01 · Kontext
Die Herausforderung
Die Deutsche Bahn plant in Hamburg den zweigleisigen Ausbau der Fern- und Regionalbahnstrecke 6100 zwischen der Überleitstelle Hamburg Anckelmannsplatz und dem Bahnhof Hamburg-Rothenburgsort: rund drei Kilometer auf einem bis zu sechs Meter hohen Bahndamm, mit acht neuen Brückenbauwerken über Straßen und Gewässer. Das zusätzliche Gleis schafft dringend benötigte Kapazität für den hoch ausgelasteten Bahnknoten Hamburg.
Das Vorhaben befand sich am Ende der Leistungsphase 2, in einer sehr frühen Planungsphase, in der die Deutsche Bahn zur frühen Öffentlichkeitsbeteiligung aufruft, der Baubeginn aber noch Jahre entfernt liegt. Genau hier lag die Aufgabe:
- Aus den Modellen und Varianten der Vorplanung (Bestand, Rückbau, zu erhaltende Teile, Neubau, je Brückenbauwerk) die für die öffentliche Kommunikation relevante und freigegebene Auswahl verständlich und niedrigschwellig für eine breite Öffentlichkeit aufbereiten. Bisher war die Darstellung nur in Spezialsoftware möglich.
- Als kritische Infrastruktur durften nur freigegebene, nicht sicherheitsrelevante Bestandteile öffentlich gezeigt werden.
- Erwartungsmanagement: früh informieren und qualifizierte Hinweise einsammeln, ohne falsche Mitentscheidungsversprechen zu erzeugen.
- Mobile Nutzbarkeit für ein großes, datenintensives 3D-Modell sicherstellen.
02 · Umsetzung
Die Lösung
Grundlage ist die Senf-Plattform, auf der sich BIM-Modelle öffentlich zugänglich machen und Beteiligung organisieren lässt: Infoseite im Scrollytelling-Format, Dialogkarte für ortsbezogene Hinweise und Umfrage. Diese Formate hat das Projektteam der Deutschen Bahn selbst aufgesetzt und betreut. Senf brachte das BIM-Modell technisch in die Plattform: aufbereitet, komprimiert und sicher gefiltert.
Das BIM-Modell im Browser, auch mobil
Das ursprünglich rund 1,1 GB große IFC-Modell wurde so aufbereitet und komprimiert, dass es im Browser und auf dem Smartphone performant läuft. Nicht sichtbare und sicherheitsrelevante Bauteile wurden über attributbasierte Filter automatisiert entfernt. Das erfüllt die Anforderungen der Informationssicherheit.
Der Zugang ist bewusst niedrigschwellig: kein Software-Download, kein Login, keine Zwei-Faktor-Anmeldung, ein Link genügt. Genau das senkt die Hürde, ein komplexes Fachmodell überhaupt anzusehen, für die breite Öffentlichkeit ebenso wie für interne und externe Beteiligte.
Eingebettet wurde das Fachmodell in eine fotorealistische 3D-Stadtansicht (Google Maps 3D), in der die geplanten Brücken im realen Stadtraum verortet erlebbar werden. Im Zuge des Projekts wurden testweise sogar Geodaten aus dem Geoportal der Stadt Hamburg performant eingebunden. Am Ende fiel die Wahl bewusst auf die Google-Maps-3D-Darstellung.
Browserbasiert, mobil optimiert und ohne Login zugänglich
03 · Produkt im Einsatz
Beteiligung direkt am Modell
Auf der Plattform richtete das DB-Team eine Dialogkarte und eine Umfrage ein. Die Anwohnenden entlang der Strecke wurden im Umkreis von 500 Metern per Postkarte eingeladen, sich über die Senf-Plattform zu beteiligen. Zudem wurde über die Projektwebseite und eine Pressemitteilung sowie im Rahmen einer Informationsveranstaltung über die Möglichkeit der Beteiligung informiert. Über die Dialogkarte konnten Bürger:innen Pinnnadeln direkt am Modell setzen und ortsgenaue Hinweise oder Fragen hinterlassen; die Umfrage erfasste strukturiert die Haltung zum Projekt, den Informationsstand und weitere Anmerkungen. Eingehende Beiträge verschlagwortet die Plattform im Backend automatisch nach Thema und Stimmung. Das macht qualitative Rückmeldungen leicht auswertbar.
Das öffentliche Projekt selbst ausprobieren
Öffnen Sie die Scrollytelling-Seite, bewegen Sie sich durch das 3D-Modell und sehen Sie, wie die Beteiligung für den Hamburger Streckenabschnitt aufgebaut wurde.
Die Zusammenarbeit
Über sechs Monate arbeiteten die Teams strukturiert und in klar abgestimmten Schritten zusammen. Bereits nach 10 Wochen waren die ersten Ergebnisse vorhanden. Ein gemeinsamer Kick-off in Hamburg schuf früh die Grundlage: Modelle sichten, Auswahl treffen, Rollen und Zuständigkeiten klären. Diese Abstimmung half, aus den zahlreichen Modellvarianten die passende öffentliche Darstellung zu entwickeln und diese performant in die Plattform einzubinden. So waren bereits nach 10 Wochen die ersten Ergebnisse vorhanden.
04 · Wirkung
Die Ergebnisse
In einer sehr frühen Projektphase und ohne breite Werbekampagne erreichte die Plattform über 1.100 Menschen. Statt auf Masse zielte das Projekt auf Qualität: Über Umfrage und Dialogkarte gingen über 100 Rückmeldungen ein, überwiegend sachlich, konkret und ortsbezogen.
Konstruktiv statt nur kritisch
Die Rückmeldungen verteilten sich auf klar erkennbare Themencluster: vor allem Wohnraumerhalt, Lärmschutz, Grün- und Freizeitflächen sowie Verkehrsplanung, dazu Denkmalschutz. Mehrere Beiträge waren konkrete Gestaltungsvorschläge, etwa zur Farbe und Ausführung der Lärmschutzwände oder zur höhenfreien Einfädelung, also genau die qualifizierten lokalen Hinweise, die in der weiteren Planung weiterhelfen.
Ein Kanal statt vieler
Auch operativ zahlte sich die Plattform aus: Liefen Rückmeldungen aus der Öffentlichkeit früher über E-Mails, Briefe und manuell gepflegte Excel-Listen, bündelte das Projekt fast alles an einer Stelle.
Stimmen aus der Beteiligung
„Die 3D-Modelle finde ich toll.“
„Die Karte finde ich sehr gut, um das Planungsgebiet zu verstehen.“
„Es ist gut und sinnvoll, dass Bürger:innen frühzeitig den Planungsprozess begleiten können.“
Was mit den Rückmeldungen passiert
Alle Hinweise wurden strukturiert erfasst, automatisch visualisiert und nach Thema und Stimmung verschlagwortet. Schwerpunktthemen wie der Lärmschutz ließen sich früh erkennen und wurden vom Projektteam bereits aufgegriffen. Über die BCF-Schnittstelle lassen sich die verorteten Anmerkungen direkt an das Planungsbüro übergeben, ohne Umweg über E-Mails, und stehen für die weiteren Planungsphasen bereit.
05 · Stimmen aus dem Projekt

„Mich haben Benutzeroberfläche und Funktionen von Anfang an überzeugt. Besonders wertvoll ist, dass Hinweise aus der Öffentlichkeit über die BCF-Schnittstelle direkt in die Planung wandern können, ohne dass ich E-Mails weiterleiten muss.“
Cornelius Stehr
BIM-Experte/Portfoliosteuerung · Deutsche Bahn
„Der größte Mehrwert ist die niedrige Hürde: keine zusätzliche Software, kein Login. Ein Link genügt, und jede:r kann sich das BIM-Modell ansehen. Damit machen wir ein komplexes Modell für die breite Öffentlichkeit, für fachliche und politische Akteur:innen und weitere interne Stakeholder:innen endlich nahbar.“
BIM-Management · Deutsche Bahn
„Die Modelle machen unsere Projekte viel verständlicher: Die Menschen sehen, wo etwas passiert und was das für ihre Wohnlage bedeutet. Wir wollten in dieser frühen Phase Hinweise für die nächsten Planungsphasen einsammeln, und das hat funktioniert.“
Stakeholder-Management · Deutsche Bahn
06 · Ausblick
Ausblick
Das Projekt hat gezeigt, dass sich auch hochkomplexe, sicherheitssensible Infrastrukturvorhaben früh, transparent und mobil-first öffentlich vermitteln lassen und dass digitale Beteiligung qualifizierte, auswertbare Hinweise liefert, die in klassischen Formaten oft verloren gehen.
Das Potenzial reicht über die frühe Phase hinaus: Eine modell- und kartenbasierte Beteiligung kann auch in späteren Leistungsphasen und im Bau Fragen ortsgenau klären, von Lärmschutz bis Ersatzverkehr, und perspektivisch formelle Verfahren unterstützen.
Mehr zum Einsatz von 3D-Modellen in der Planung finden Sie auf unserer Seite zu BIM-basierter Öffentlichkeitsbeteiligung für Infrastrukturprojekte.

